Wer bis an das Ende beharrt – die Ensembles der Bachakademie auf dem Weg zum „Wasser“
Prolog
Das riesige romanische Kirchenschiff ist nur durch wenige flackernde Kerzen erleuchtet. Durch die spärlichen Fenster zischen Blitze, gefolgt von tosenden Donnern – noch ist es trocken – die Stellprobe beginnt. Ein „neuer“ Elias bittet den Herrn um Wasser. Er bittet mit solcher Inbrunst, Verzweiflung, ergebenem Glauben und … „die Wasserströme erheben sich“ – der Sturm „braust gewaltig“, die „Wasserwogen“ ergießen sich von den Dächern des altehrwürdigen Klosters Eberbach. Es ist geschafft! Aber der Weg zum erlösenden Wasser war alles andere als leicht...
Dienstag, 23. August 2011
„Die Zunge klebt am Gaumen vor Durst“ – 140 Menschen proben seit Stunden bei 38°C Raumtemperatur den „Elias“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Wasser gibt es zu diesem Zeitpunkt ausschließlich in Form von tausenden von Schweißperlen. Die Kleidung ist nass, aber die Musiker mitnichten erfrischt. „Rufet lauter!“, empfiehlt uns Elias – es nützt nichts! Kein erfrischender Regenschauer in Sicht, „der Himmel ist ehern über unserem Haupte“ – noch…
Mittwoch, 24. August
Vielleicht wusste der Herr, dass die bisherigen Bitten um Wasser nur „zur Probe“ formuliert wurden – nun aber wird es ernst! Das Ensemble sitzt im Bus auf dem Weg nach Dijon, um am nächsten Tag in der Basilika von Vezelay das erste Mal vor Publikum seine Bitten um erlösendes Wasser vorzutragen. Alles sieht gut aus; unser Gefährt ist (meistens) klimatisiert, wir kommen gut voran, die Stimmung ist optimistisch – bis zur Stadtgrenze von Dijon. Verschlungene Pfade fahren die Busse nun, sie umkreisen die Innenstadt, drehen auf belebten Kreuzungen, verändern die Form des ein oder anderen Verkehrsschildes, berauben Bäume ihrer Äste und suchen und suchen – „aber sie fanden nichts!“
„Baal, erhöre uns!“ summt es aus unerklärlichen Gründen ständig im Kopf einiger Choristen. Er hört natürlich nicht, er ist „zu Tisch“ oder „schläft vielleicht“! Der Verstand weiß das, der Ohrwurm ignoriert es! Irgendwann bleibt der Bus an einem hübschen grünen Hain stehen – Hotel? Der „Knabe“ der IBA wird ausgesandt und findet nach beschwerlichem Fußweg durch zahlreiche Baustellen den Weg zur Schlafstätte.
Donnerstag, 25. August
Die Musiker sitzen wieder im Bus und fahren 140 km durch das sonnendurchflutete Burgund auf dem Weg von Dijon nach Vezelay. Schon im frühen Mittelalter Pilgerstätte und Aufbruchsort zahlreicher Kreuzzüge sollte dies der rechte Ort sein, um endlich erfolgreich die Erfrischung in Form von kühlendem, frischem Nass zu erbitten. Noch ist es aber nicht so weit! Wie üblich dreht der Bus (den sonst üblichen Schlenker durchs Industriegebiet lässt er in Ermangelung desselben aus), findet aber den für ihn vorgesehenen Parkplatz leider nicht! Das Ensemble „pilgert“ also mit Instrumenten und Konzertkleidung den Berg zur Basilika hinauf. Der Anblick der wunderschönen Kirche lässt den Verstand hoffen, der Körper jedoch fühlt sich zurückversetzt an Probentage im heimischen Stuttgart.
Aufs höchste motiviert wird in der Stellprobe im heißen und stickigen Innenraum des historischen Gotteshauses erneut um erfrischendes Nass gefleht. (Wie hat hier jemals ein kreuzfahrwilliger Ritter in vollem Ornat einen Aufbruch ins noch viel heißere Jerusalem beschließen können?). Aber die Erlösung findet auch an diesem Abend nicht statt. Das Oratorium lehrt alle Bittenden: Nicht aufgeben – irgendwann werdet ihr wieder in trockener Kleidung von der Bühne gehen können, haltet durch! Kurz nach Mitternacht, nach einem unglaublich beeindruckenden Konzert, fahren die Busse bei immer noch 28°C los. Um 2:30 Uhr geht ein langer Tag am Hotel in Dijon zu Ende.
Freitag, 26. August
7:45 Uhr
Nach vier Stunden Schlaf ist der Himmel bedeckt – zeigen Schweiß- und Schlafopfer erste Wirkung?
8:30 Uhr
Zwei Schäfchen der Herde waren nicht bereit, das Schlafopfer zu bringen, die Abfahrt verzögert sich um 30 Minuten – wird es die erhoffte Erfrischung geben, wenn zwei mit sanfter Gewalt gezwungen werden mussten?
12 Uhr
Der Himmel wird dunkler, als das Ensemble die Grenze nach Deutschland überfährt, aber die Temperaturen sind unverändert und keine Schleuse öffnet sich. Heute im Kloster Eberbach wird ein „anderer“ Elias das Geschick der Bittenden in die Hand nehmen. Sind die dunklen Wolken am Himmel Vorboten eines Erfolgs? Nähern wir uns dem „Aqua“? Eine Stunde „Mittagsruhe“ (zumindest für diejenigen, deren Zimmer für sie bereitet waren) und wieder besteigt die bittende Schar den Bus. Vollkommen ohne Wenden (allerdings unter Mitnahme einzelner Äste) erreichen die Gefährte den Parkplatz des Klosters.
Der „neue“ Elias ist da, „der Himmel wird schwarz von Wolken und Wind“. Die Stellprobe beginnt – nach wenigen Minuten fallen die ersten Tropfen…
Epilog – Samstag, 27. August
Die Musiker brechen bei 14°C und Regen auf, zum letzten Konzert in der Fremde. Aus Frankreich erreichen uns die Nachrichten von überfluteten Straßen und über die Ufer tretenden Flüssen. „Die Wasserwogen sind groß!“
Das Eröffnungskonzert des „Wasser"-Musikfests Stuttgart findet ohne jeden Wassermangel bei angenehmen Temperaturen statt.
Die Ensembles der IBA haben ihr Bestes gegeben.
Text: Isabel Plate-Naatz
Fotos: Karl Appel (o.) und Martin Frobeen (u.)




























