... Hut ab allerdings vor allen, die nach einer nicht immer geruhsamen Nacht (der Lärm nahegelener Karaoke-Bars tat das seinige) die Noten im Gepäck unter Helmuth Rillings nimmermüder Anleitung in auftrittsreife Musik verwandelt haben ̶ ein gutes Stück Arbeit! Die abendliche Suche nach Erholung und guter Küche entlud sich in enormer Bandbreite: Taxis ins Stadtzentrum wurden geordert, Doppelwhopper verschlungen, das schärfste Essen seines Lebens nahm ein Grüppchen Übermütiger zu sich, nicht ohne die gewaltige Endorphinausschüttung infolge der hohen Capsaicindosis in der Karaoke-Bar gegenüber erfolgreich auszutoben; manch eine(r) soll auch ganz brav zu Bett gegangen sein. Auch keine schlechte Idee, denn das Frühstück war fantastisch und offerierte den Gästen aus dem Westen eine herrliche Auswahl landestypischer Alternativen zu Rührei mit Würstchen.
Eine hervorragende Idee für den freien Donnerstagvormittag hat Kyoung Gregor, eine gute Freundin aus der Oregon Bach Festivalstadt Eugene, die das Ensemble in den Gyeryong-San National Park einlädt; zwei Busse werden vom Veranstalter des Musikfestivals kostenlos (!) zur Verfügung gestellt. An Neubaublockreihen entlang, die Berlin Marzahn zur hübschen Siedlung apostrophieren, geht es zum Fuß des Gyerong-Gebirges. Die Sonne scheint, es ist sommerlich warm, und die 50 einzigen Europäer weit und breit mäandern sich durchs Tal unter herbstgefärbten Hölzern tempelwärts. Über das Alter des Donghaksa-Tempels ist man sich nicht einig, da er in regelmäßigen Abständen zerstört, verbrannt, wiederauf- und umgebaut wurde. Der Legende zufolge solll er im Jahr in 724 durch einen buddhistischen Priester errichtet worden sein. Oberhalb ist eine Landschaft zu erahnen, deren Reize uns aus Zeitgründen leider verborgen bleiben. Wir pilgern retour, doch frische Luft und ein Hauch von Korea außerhalb des Hochhausdschungels haben gut getan.
Nicht weit vom Hotel entfernt tut sich eine völlig andere Welt auf. Es ist Markt (zweimal wöchentlich) und ein ganzes Viertel ist außer Rand und Band. Die kleinen Läden und Handwerke werden kurzerhand nach außen gestülpt, Omas und Opas aus dem Umland bieten ihre Ernte direkt an der Straße feil, es wird geschält und geputzt, verhandelt und viel gelacht. Wir probieren eine exotische Rarität nach der anderen, wundern uns, sehen Getier und Lebensmittel, die wird nie zuvor sahen, vieles bleibt gänzlich unerschlossen. Beißende Aromen liegen fett in der Luft, kaum definierbare Konsistenzen und unheimliche Anblicke betäuben die Sinne. Das Fremde: Wir sind ihm hautnah begegnet.
Am Abend das erste Konzert im Daejeon Culture & Arts Center, einem imposanten Neubau mit hervorragender Akustik. Die Stadt leistet sich ein eigenes Internationales Musikfestival, riesige Fahnen mit den Konterfeis der Künstler hängen im Foyer. Beifall und Jubel fordern die von den Koreanern ausdrücklich gewünschte „Zugabe“ ein: den Schlusschoral aus der Johannes-Passion! www.djac.or.kr
Fotos: Holger Schneider © Internationale Bachakademie Stuttgart
















































































