Ein koreanischer Busfahrer hat’s nicht leicht: angefangen beim offenbar täglichen Wechsel der kompletten Innenausstattung, jenem textilen Zierrat, der die Fenster mit grellbunten Bordüren und Rüschen, mit Pailletten, Troddeln, Kordeln, Borten, Tüll und Strass augenschmeichelnd umflort, fantasiereich illuminiert von Lichterketten und aschenbecherähnlichen Deckenleuchten mit farbigem LED-Interieur, vorn in liebevoller Lenkradumnoppung und erlesenen Sitzkissenvariationen gipfelnd, bis hin zur Unlösbarkeit des Problems, den minütlich wechselnden Ansprüchen fernwestlicher Insassen an eine individuell abgestimmtes Mikroklima nachkommen zu wollen. Der hartnäckige Kampf innerhalb der Gruppe um kommode Temperaturen und kühle Lüftchen ließ manch einen der tapferen Bus-Samurai innerlich verzweifeln – gezeigt hat er es nie. Vermutlich aber auch nie ein Wort verstanden. Damit sei eine weitere Facette des „Fremden“ erwähnt, denn jegliche Bemühung, in mühevoll erlernten Wortbröckchen, in Mimik, Gestik oder ganzkörpersprachlichen Wendungen sich auch nur ansatzweise verständlich zu machen, sollte während unseres Aufenthalts sofort, komplett und ausnahmslos kläglich scheitern. Vergiss den Sprachführer, Reisender, solltest Du dieses Land besuchen. Und dein Englisch vergiss obendrein.
Ein koreanischer Busfahrer hat’s nicht leicht. Das Hotel oder den Konzertsaal in der koreanischen Hauptstadt findet er prinzipiell erst nach halbstündiger Suche irgendwo außerhalb des Busses. Im übrigen ignoriert er das bunte Lichtspiel und das Säuseln der digitalen Gisaeng-Stimme seines fernsehergroßen Navi ebenso wie die Verkehrsregeln. Die Odyssee einer Rückfahrt vom Konzert, geprägt von unerbittlich zäher Auseinandersetzung mit dem widerborstigen Schaltknüppel, endet damit, dass der einigermaßen durcheinandergeratene ältere Driver schließlich freiwillig die Polizei auf den Plan ruft.
Seoul ist ein Moloch. 11 Millionen, mit den Städten der umgebenden Region die doppelte Einwohnerzahl. Wir haben wenig Zeit. Der Samstag entlädt zudem die komplette Monatssumme an Niederschlag auf einmal über diese Stadt und ihre Besucher: Was für ein Sauwetter! Aus dem großen Markt wird ein großer Matsch, aus dem Einkaufsbummel die Suche nach einem Geschäft mit trockenen Schuhen. Das Grüppchen bietet ein letztes Mal all seinen Mut auf und begibt sich in einen als „Good Restaurant“ angepriesenen Hort koreanischer Kochkunst. Weit über 100 Schälchen werden in unglaublicher Geschwindigkeit auf- und wieder abgeräumt, während die überforderten Mittagesser hilflos am Boden festkleben. Ob es nun allerdings das Süppchen mit schlierigen Tangfäden oder die gruseligen Tofugebilde, ob es die mit dem Begriff geschmacksneutral nur unzureichend beschriebene Brühe oder die todesmutige Probe vom vergammelten Taschenkrebs war: An dieser Stelle resiginierten selbst die zähesten europäischen Geschmacksnerven. Das Grüppchen beschloss daraufhin für diese Tour das sofortige Ende weiterer Erkundungen landestypischer Kulinarik.
Am Freitagabend Konzert in Goyang, einer der Nachbarstädte Seouls. Auch hier Neubauten: ein Quader Oper, daneben ein Quader Konzerthaus – praktisch, gut. Wieder empfängt uns ein Saal mit beeindruckend guter Akustik, wieder quittiert das Auditorium unsere Darbietung mit anschwellendem Jubel in hoher Lage. Gleiches geschieht auch beim letzten Konzert im riesigen Saal des „Seoul Arts Center“ am Samstagabend, bevor unsere erste Korea-Tournee auf dem Hoteldach angemessen und stimmungsvoll besiegelt wird.
Fotos: Holger Schneider © Internationale Bachakademie Stuttgart
(Fotos vom Wechsel der Königlichen Wachsoldaten: Christian Aretz)


















































