„Hallelujah!“
Helmuth Rilling und die Gächinger Kantorei zu Gast beim New York Philharmonic
Fünf ausverkaufte Konzerte mit Händels „Messiah“ in der Avery Fisher Hall
Ja, das ist einer dieser supercoolen New Yorker Schulbusse. Mit ein paar disziplinierten Chormitgliedern davor (Klick). Doch nein, wir befinden uns nicht auf Klassenfahrt. Natürlich können wir Gächinger allemal noch dazulernen. Die Singerei fällt uns zwar nicht allzu schwer, denn Musizieren vermittels artig kontrollierter Organschwingungen ist unser erklärtes Hobby und wir pflegen es mit Begeisterung. Meistens gibt’s sogar Bestnoten. Die Zunft instrumententragender Tonkünstler vereint sich gern mit uns im Ensemble; mittlerweile haben wir derer bereits etliche kennenlernen dürfen. Dass wir nun mit dem guten alten „Messiah“ als dem Weihnachtsoratorium des angloamerikanischen Musikfreunds den New Yorker so gut wie sicher vom Hocker reißen würden, dass unser Director Helmuth Rilling in seiner „zweiten Heimat“ Nordamerika besonders herzlich empfangen werden würde, nahmen wir gern als sichere Prognosen mit auf die Reise.
Galerie eins: die erste Hälfte
Doch dass ein Orchester von solch unangefochtenem Weltrang wie das New York Philharmonic bei knisternder Konzentration und ausnehmend bester Laune vom ersten Probenbeginn an gewillt sein sollte, ein derart arriviertes Oratorio wie den „Messiah“ neu zu gestalten, das überrumpelt selbst den gestandensten Choristen. Im Anschluss an die erste gemeinsame Probe bittet Konzertmeisterin Sheryl Staples ums Wort: der Chor klingt einfach wunderbar, sagt sie nur und hat mit einem Schlag 50 Sängerherzen entzückt. Es darf den Gächingern zugute gerechnet werden, dass ihnen derlei Lob nicht zu Kopfe steigt, sondern ähnlich anspornend wirkt wie Helmuth Rillings spontane kleine Dankesrede vor dem dritten Konzert in der Chorgarderobe oder die einigermaßen überschäumenden Notizen der New York Times: „... the choir – distinguished by its precise diction, crisp articulation and control – sounded cleanly fluid even in the fastest passages. The transparency of their immaculate singing was boosted by carefully shaped dynamic contrasts.“
Die erstaunlichen Toleranzen innerhalb des Chores bezüglich phonetischer Umsetzung englischer Vokabeln wurden mit großem Erfolg von den beiden passionierten Tenordidaktikern angeglichen, auch wenn ein besonders feinhöriger Kenner bei äußerster Konzentration hier und da ein Konglomerat aus Quebecer Kanadisch, texanischem Nobel-Slang und Nuancen schwäbischer Vokalstauverkehlungen hätte heraushören können. War aber keiner da, glücklicherweise. Dafür gab’s sogar Kontakte in der Muttersprache, etwa zum jungen Solopauker Markus Rhoten, der seit drei Jahren beim NYP die Schlägel schwingt und seine Begeisterung darüber gar nicht verhehlen möchte, nach Engagements u.a. beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hier in New York gelandet zu sein, in einem Orchester, das ihn „wie eine Familie“ aufgenommen habe. Ein Kompliment aus dem Chor-Außenbass an die beiden Kontrabässe Orin O’Brien und David J. Grossmann, sie seien „wie Eltern“ gewesen, die die Sänger an der Hand genommen haben, wurde lächelnd präzisiert: „not by the age, but musically“.
Helmuth Rilling hat sie alle geleitet, die großen Orchester der Vereinigten Staaten und Kanadas. Die letzte Begegnung mit dem New York Philharmonic liegt allerdings länger zurück und war zugleich eine prägende für den jungen Dirigenten, als er 1967 hier bei Leonard Bernstein in die Lehre ging. Die schöne Martina hat ihn bereits damals begleitet und sollte noch im selben Jahr in Stuttgart seine Frau werden. Drei Jahre später begann mit der Gründung des Oregon Bach Festivals in Eugene an der Westküste eine weitere Liaison: die des schwäbischen Musikers mit amerikanischen Ensembles, Künstlern und Freunden – Basis einer bis heute ununterbrochenen Beliebtheit als Gastdirigent und Lehrer auf dem Kontinent, Basis eines Netzwerks vielfältiger gemeinsamer musikalischer Projekte. So kommen denn auch Sänger des Oregon Bach Festival in die New Yorker „Messiah“-Konzerte mit den Gächingern, so finden jüngere Gächinger hier ihre Freunde vom Festivalensemble der vergangenen Jahre wieder.
Natürlich nutzen sie jede freie Minute und erkunden die Stadt nach unterschiedlichsten Vorlieben, wie ein Sternchenfeuer auseinanderstiebend, um sich erst abends vor dem Konzert wieder als Chor zusammenzufinden. Entdeckungen der näheren Umgebung, jener Gegend, in der die „West Side Story“ spielte, Spaziergänge und Schlittschuhlauf im Central Park, Wandeln auf Woody Allens Spuren, ein Besuch der MET („Hansel and Gretel“), die Tim Burton Ausstellung im MoMA (Redakteurs Highlight!) und natürlich die zahllosen Sehenswürdigkeiten in und um Manhattan, auch der käufliche Erwerb besonders preisgünstiger Waren des täglichen Bedarfs, all das adäquat schildern zu wollen wäre vermessen. Selbst nach dem Konzert ist für viele noch nicht Schluss: Jazz-Keller werden geentert, der Nachtblick vom Rockefeller oder Empire State wird gesucht, eine mutige Runde stürzt sich in eine äußerst zünftige russische Geburtstagsnacht im Restaurant „Samowar“… Zu allem Überfluss der Eindrücke: Das Wetter war wunderschön, und am Ende hat es sogar geschneit. Hallelujah!
Galerie zwei: die zweite Hälfte
Konzert! Sämtliche 2.700 Plätze der Avery Fisher Hall bleiben für ein paar Minuten leer, während die N°1 der Ohrwurm-Charts erklingt, viele im Publikum singen mit (zumindest die ersten paar Takte des „Hallelujah“), ein paar wenige Zuhörer verlassen tatsächlich anschließend den Raum. Auch sonst läuft so allerhand anders als daheim gewohnt. Nach einem erstklassig akkuraten Einfädel-Bühnenauftritt des Chores, der hier weder üblich scheint noch irgendwie zur Kenntnis genommen wurde, befleißigen sich die Gächinger nunmehr eines deutlich unsortierten Erscheinens auf dem Podium – was erstaunlich komplizierter Koordination bedarf. Auch an die Zwangspause nach einer Viertelstunde, um die zahlreichen Zuspätkommer einzulassen, müssen sich Dirigent, Chor und die vier großartigen Solisten (Annette Dasch, Daniel Taylor, James Taylor, Shen Yang) erst gewöhnen. Am Ende des moderat gekürzten „Messiah“ steht erneut der ganze Saal, es ruft und tost, Beifall braust auf und davon, als der Chor aufsteht, kennt der Jubel kaum mehr Grenzen. Verpackt in dickes Futter tapfen 50 glückliche Gächinger unter illuminierten Bäumen den Broadway entlang zum Hotel Beacon, dem „jewel of the Upper West Side“. Einige werden am nächsten Morgen von der überstürzt-panischen Reaktion des hysterischen Rauchmelders beim zaghaften Toast-Versuch erneut sehr plötzlich hellwach sein, andere, die Zimmerblick-Glückspilze, von einem traumhaften Sonnenaufgang überm Central Park begrüßt werden: Das haut den stärksten Gächinger um.
Galerie drei: Fotos einiger Gächinger-Fotografinnen
Bereits vor Weihnachten hat ein Gächinger-Freund aus vergangenen Jahren die ersten Fotos hier entdeckt und flugs eine Galerie zusammengestellt (dafür nebenher mal ein paar Dias entstaubt und gescannt), die in der Einzigartigkeit ihrer Motive, insbesondere einiger abgelichteter Persönlichkeiten, erneut umwerfend ist...
Galerie vier: USA-Fotos 1983 von Matthias Schadock
